Nach der Wahl: „But it’s all right if you act like a turd“!

Blind-Date Edition #3

“I like birds”

Was kommt dabei heraus, wenn sich 10 GartenbloggerInnen zu einem festgelegten Song Gedanken machen und die entstandenen Beiträge zeitgleich ins Internet stellen? Unter dem Motto „I like birds“ hat jede/r von uns einen Beitrag zu dem gleichnamigen Song von den Eels geschrieben.

Wir wissen nicht was die Anderen geschrieben haben, es gab keine inhaltliche Abstimmung und wir sind sehr gespannt auf das Ergebnis!

Mit dabei sind:

Gartenbaukunst, Hauptstadtgarten, Beetkultur, Der kleine Horrorgarten
, Laubenhausmädchen, Karo-Tina aldente
, Cardamonchai
, Milli BloomRienmakäfer und Frau Meise

Viel Spaß beim Lesen!

Björn vom Blog Gartenbaukunst hat mich zu dem Inhalt dieses Artikels inspiriert. Bei der letzten Blind Date Edition #2 „Summer Wine“ hat er sehr packend über seine Erfahrungen mit dem G20-Gipfel 2017 in Hamburg geschrieben. Nun liegt ein weiteres schwerwiegendes politisches Ereignis hinter uns in Deutschland, die Bundestagswahl. Der Ausgang der Wahl hat mich nachhaltig bewegt. Als ich die Lyrics des Lieds studierte, musste ich bei ein paar Zeilen an die möglichen Konsequenzen der Wahl denken und an das, was sich so manch ein Wähler für Deutschland wünscht.

Ich befinde mich gerade auf einer 2-monatigen Bulli-Reise. (Kleiner Exkurs: Der Name Bulli setzt sich zusammen aus Bus und Lieferwagen). Mein Kreuz habe ich bereits im August mit der Briefwahl erledigt. Diesen Text schreibe ich von der Ferne Portugals aus. Ich sitze vor meinem geliebten Bus, der wilden Hilde und kann das Meer rauschen hören. Das Reisen mit einem kleinen Camper bedeutet für mich unendliche Freiheit. Die Hilde ist so klein, dass wir ohne Probleme zumindest für eine Nacht, an vielen Orten stehen können. Mein Motto beim Campen lautet Zero Trace. Von uns gibt es außer einer Reifenspur, die sich im Winde verweht, nichts zu sehen, nachdem die Reise weitergeht.

Ich habe in den letzten 3 Wochen ohne Kontrollen 5 Landesgrenzen überquert. Mein Weg führte durch die Niederlande, Belgien, Frankreich, Spanien und jetzt Portugal. An Grenzkontrollen in Europa erinnere ich mich sowieso nur noch sehr vage, als wir früher mit der Familie nach Italien in den Urlaub gefahren sind. Auch Geld wechseln musste ich nicht, was mir einiges an Aufwand  ersparte.

Aber wie steht es jetzt um unsere Freiheit überhaupt? Was ist da am Wahlsonntag in Deutschland passiert? 12,6% bekennende Neonazis verkleidet als Alternative für Deutschland lautet das traurige Ergebnis. Somit ist es nun offiziell ok, legal, sogar gewählt und gewünscht, dass man sich nun öffentlich wie ein Arsch benehmen darf und eine arschige Meinung vertreten darf! Entschuldigt bitte diese Kraftausdrücke, aber die Jungs von The Eels haben es auf den Punkt gebracht:

„But it’s all right if you act like a turd“.

Viele Freiheiten, die wir in Deutschland glücklicherweise heute haben, sind der AfD ein Dorn im Auge. Allen voran die EU. Ich habe ein paar Zeilen weiter oben gerade einen der wesentlichen Vorteile der EU erläutert – wir haben offene Grenzen. Die Campingwelt ist international und wenn ich mal auf einem Campingpatz stehe, trifft man Franzosen, Italiener, Spanier, Niederländer, Briten, Polen u.v.m. friedlich nebeneinanderstehen. Was wir brauchen auf der Welt ist Annäherung und keine Entfremdung; Zusammenhalt anstatt zu zurück zu „Jeder macht Seins“. Meine in Berlin lebenden Freunde aus England fragen sich, was aus Ihnen nach dem Brexit wird. Wie kompliziert wird es für sie wieder werden, im Ausland zu leben? Wie kompliziert würde unser heutiges Leben wieder werden, würden Grenzen wiedereingeführt. Gerade wurden die Roaming-Gebühren abgeschafft – wunderbar! Ich habe einen günstigen Vertrag und mir stehen 15 GB schnelles Internet zur Verfügung. Das kann ich nun auf meiner Reise nutzen, ohne, dass es sehr teuer wird. Sonst wäre ich immer von WLAN in Cafés oder auf Campingplätzen abhängig, was gerne 4 € am Tag kostet.

„Look at all the people like cows in a herd“

Was ist es, was die AfD für uns in Deutschland erreichen möchte?

Freie Medien, eine progressive Energiepolitik, die gerade erst eingeführte gleichgeschlechtliche Ehe und eine faire Gesellschaftspolitik sind durch das Wahlprogramm der AfD in Gefahr. Gefühlt will uns die AfD mit Ihrem Wahlprogramm zurück ins Mittelalter katapultieren mit Vorhaben wie der Rückkehr zur Strafmündigkeit für 12-jährige und der Wiedereinführung der Wehrpflicht.

Deutsche Leitkultur statt ‚Multikulturalismus‘“ schreiben sie in Ihrem Grundsatzprogramm.

Wahrscheinlich sollen wir alle am liebsten an dem von der AfD angestrebten Einheitsbrei vor Langweile sterben. Gewünscht ist die Deutsche Rasse, am liebsten in knappen Bikinis, weil Burkas an jeder Ecke das Straßenbild verunschönern. ( Ironiebutton on!) Ich verbringe viel Zeit in Berlin Kreuzberg und Neukölln, wo viele arabische und türkische Menschen leben und muss mich wirklich sehr anstrengen, um so etwas wie eine Burka zu sichten. Die Polemik dieses Wahlplakats mit den Mädels im Bikini finde ich nahezu bizarr.

Bei der Verwendung von Wörtern wie „Rasse“ und „jagen“ im Bezug auf Menschen wird mir ganz anders. Es geht hier doch um Menschen und nicht um Tiere! Genau wie es 2015 bei den Flüchtlingsströmen um Menschen ging. Ich selbst war auf der Insel Chios mit einer von Freunden gegründeten Hilfsorganisation Safe Journey, um den Flüchtlingen bei Ihrer Landung zu helfen. Seitdem ich die Boote selbst gesehen habe, meistens komplett überfüllt, mit Kindern und sogar Säuglingen an Board, kann ich versichern, dass kein Mensch so etwas tun würde, bloß um Sozialleistungen zu empfangen. Diese Menschen fliehen vor Krieg, Gewalt und Verfolgung und sind schutzbedürftig. Natürlich gibt es hochgefährliche, radikalisierte Menschen unter Flüchtlingen und es war eine heikle Angelegenheit von Frau Merkel die Grenzen zu öffnen. Aber es war eine notwendige, mutige und menschliche Tat, für die sie meinen vollen Respekt hat. (Wählen konnte ich Sie aus verschiedenen Gründen aber nicht.)

Ausländer und Minderheiten, die unser Leben bunter machen und bereichern, werden es schwer haben in Deutschland in einer Welt der Afd.

„The mean little people are such a bore“

Wer sind sie wohl die AfD-Wähler, die sich eine braune Welt zurückwünschen? Ich denke, man muss sich die Angst des kleinen Mannes vor dem bösen Mohammed mal genauer anschauen. Handelt es sich bei der Angst vielleicht auch um Neid, genauer gesagt Sozialneid? „Und da kommen die einfach so her und bekommen vom Amt einfach so eine AOK Karte“, hat mir entrüstet mal jemand in einem Wartezimmer erzählt. Womit haben die das eigentlich verdient? Das ist tatsächlich eine gute Frage und eine Antwort hatte ich so ad hoc nicht parat, außer, dass es um Menschlichkeit geht. Ich frage mich im Gegenzug. Muss man sich als Mensch in unserer heutigen Welt das Recht auf ein Leben in Frieden und Gesundheit verdienen? Haben nicht alle Menschen das Recht auf ein gutes Leben? Erlischt das Recht mit natürlichen Grenzen wie Meeren, Kontinenten, Abstammung oder sexueller Orientierung? Ich finde das nicht!

Wollen wir hoffen, dass die meisten AfD Wähler Protestwähler sind. Ich denke, Deutschland hat aus seiner Geschichte gelernt. Denn es sind 87,4% von uns, die keine Alternative für Deutschland wollen! Jetzt ist es die große Aufgabe der Politik und von jeden einzelnen von uns, zu verhindern, dass es nicht noch mehr AfD-Wähler geben wird.

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Comments 9

  1. Wow! Einfach nur wow! Ich muss zugeben, in meiner kleinen Welt passieren so viele Dinge, die mir oft Kraft und Energie rauben, dass ich nicht die Muße finde meine Gedanken so detailliert zusammenzuschreiben. Ich bin beeindruckt von Deinem Text, weil er viel wiederspiegelt von dem, worüber auch ich mir Gedanken mache, vielen Dank dafür. Und das alles ausgelöst durch Musik. Ich wünschte das würde es mehr geben,

    1. Liebe Sandra, vielen herzlichen Dank für deine lieben Worte. Ich habe mich sehr sehr gefreut, weil ich mir tatsächlich viel Zeit genommen habe. Nachdem ich deinen Artikel gelesen habe, dachte ich mir auch, dass sich in unserer (Garten-) Blogger Szene viele irre tolle Leute mit ähnlicher Gesinnung tollen. Das ist schön <3 Lieben Gruß von Camilla

    1. Vielen lieben Dank Sarah, ich fühle mich geehrt und freue mich, mit meinem Text Mitleser mit gleicher Gesinnung gefunden zu haben. Liebe Grüße von Camilla

  2. Danke für Deine Gedanken! Mir gefällt Dein Artikel sehr gut. Schlimm, was hier grade los ist. Hoffentlich wird die nächste Wahl besser. Wenn bis dahin einige aufgewacht sind… Genieß Deine Reise noch! Liebe Grüße aus Hamburg!

  3. Liebe Camilla,
    danke für Deinen Text! Besonders für den Absatz mit dem Sozialneid bin ich Dir wirklich dankbar! Das verrückte daran: viele der Leute, die anderen die AOK Karte missgönnen, werden ja selbst von unserem wunderbaren Sozialsystem ganz prima versorgt… …mein eigenes Leben findet da ja zwischen zwei sehr ungleichen Polen statt. Einerseits Friedrichshain mit dem Grünen Direktmandat und dann meine Gartenkolonie, deren Bezirks-Wahlergebnisse mir leider oft Tränen in den Augen bescheren. Aber dann denke ich wieder, dass ich gerade dort vielleicht doch den Einen oder Anderen positiv beeinflussen kann. Ich wünsch Dir noch eine wunderbare Zeit unterwegs.
    Sei herzlich gegrüßt von Caro

  4. Hallo Camilla,
    was soll ich sagen? Großartiger Text!!!
    Vielleicht sollten wir diesen Text und meinen zu unserem letzten Blind-Date (Summer Wine) nehmen und als Grundsatzprogramm einer neuen Partei nehmen? Wir nennen Sie die Gartenspaten, gründen dazu noch unsere eigene Republik und dann ist endlich gut. Was meinst Du?
    Was die Musik und die Texte auslösen ist wirklich großartig!!!
    Liebe Grüße
    Björn

  5. Liebe Camilla, danke für Deinen tollen Post, Du sprichst mir aus der Seele……bin seit letzten Sonntag in der Schockstarre und sehr nachdenklich…..!
    Ich wünsche Dir noch eine tolle Zeit in Deinem Bulli unterwegs in ferne Länder!
    Liebe Grüsse
    Gabi

  6. Liebe Camilla,
    Ich danke dir für deinen wunderbar geschriebenen und so wichtigen Beitrag! Ich freue mich immer wieder darüber, wie ähnlich wir Gartenblogger uns doch sind – auch wenn der Auslöser dieses Mal ein besch… war.
    Hoffentlich hat du noch ein paar tolle Wochen in Portugal!
    Ganz liebe Grüße aus Hamburg,
    Marie

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